Hautarztpraxis Mortazawi
Hautarztpraxis Mortazawi

Was ist eine Steissbeifistel?

 

Liebe Patientin, lieber Patient,

 

Sie lesen diese Zeilen, weil eine Ihnen nahestehende Person oder Sie selbst von einer Steißbeinfistel betroffen sind oder weil Sie den Verdacht haben, es könnte sich bei einer bestehenden Veränderung im Bereich des Gesäßes um eine solche Fistel handeln. Auf unserer Homepage finden Sie umfassende Informationen zu dieser Erkrankung.

 

Bezeichnung der Erkrankung:

 

Im Volksmund wird sie Steißbeinfistel genannt, der medizinische (und korrekte) Fachbegriff lautet Pilonidalsinus oder Sinus pilonidalis („pilus“: Haar, „nidus“: Nest). Der Einfachheit halber verwenden wir auf unserer gesamten Webseite meist den Begriff „Steißbeinfistel“.

 

Die Steißbeinfistel ist eine akut oder chronisch verlaufende Entzündung im Fettgewebe, überwiegend im Bereich der Steißbeinregion. Der Begriff wurde zum ersten mal in einer medizinischen Veröffentlichung im Jahr 1833 erwähnt. Weitere Bezeichnungen sind: Haarnestgrübchen und Haarnestfistel, manchmal wird die Erkrankung auch fälschlicherweise als Steißbeindermoid, Sakraldermoid, Dermoidzyste, Jeep’s disease, Raphefistel, Pilonidalzyste und Sakrokokzygealzyste bezeichnet.


Es werden 3 Erscheinungsbilder unterschieden:

 

1. BLANDE Fistel: Bei dieser Form handelt es sich um die zufällig entdeckte Steißbeinfistel, bei welcher der Patient keine Beschwerden hat (= im med. Fachbegriff: asymptomatische, inzidentell entdeckte Form). Häufig wird diese Form der Steißbeinfistel bei Einstellungsuntersuchungen der Polizei oder Bundeswehr zufällig entdeckt. Auch beim Hautkrebsscreening werden öfters blande Steißbeinfisteln gefunden. Solange der Patient keinerlei Beschwerden hat, muss diese Form der Steißbeinfistel nicht operiert werden. Eine regelmäßige Kontrolle auf ein Fortschreiten der Erkrankung ist aber sehr sinnvoll.

 

2. AKUTE Fistel: Hierbei handelt es sich um die plötzlich auftretende Form, bei welcher der Patient starke Schmerzen hat und bei welcher sich ein Abszess in Form eines eitergefüllten Hohlraumes unter der Haut bildet (= im med. Fachbegriff: akut abszedierende Form). Die Fistel exixtierte bereits vorher (chronische oder blande Form) und ist nun in eine akute Form übergegangen. Die akute Fistel sollte operativ behandelt werden, denn eine Antibiotikatherapie ist oft nur kurze Zeit hilfreich. Ein sogenannter Entlastungsschnitt hilft kurzfristig, um Schmerzen und Spannung zu vermindern und ist eine optimale Vorbereitung für eine Pit Picking OP, da ohne den Entlastungsschnitt die Fisteleingänge teils schwer zu erkennen sind.

 

3. CHRONISCHE Fistel: Die chronische Steißbeinfistel ist die bereits seit langem, teils über Jahre andauernde und langsam fortschreitende Form der Erkrankung. Typisch ist, dass sich ab und zu Wundflüssigkeit, Eiter oder Blut in der Unterwäsche oder beim Toilettengang absondert. Auch verspürt der Betroffene hin und wieder ein Druckgefühl, Zwicken oder Juckreiz in der Steißregion. Viele Patienten vermuten auch über Jahre einen hartnäckigen, immer wieder auftretenden Pickel. In manchen Fällen wissen die Patienten genau, dass sie eine Steißbeinfistel haben und schieben den operativen Eingriff aus unterschiedlichen, teils sehr verständlichen Gründen, vor sich hin. Der Fistelausgang schwillt dann in unregelmäßigen Abständen (z. B. nach längerem Sitzen auf einem harten Untergrund) stark an, bereitet einige Tage Schmerzen und platzt dann auf. Nach der Entleerung verschwinden die Schmerzen und die Fistel ist erst einmal wieder für einige Wochen "vergessen". Auch hier handelt es sich um die chronische Form der Steißbeinfistel. Die chronische Form sollte ebenfalls operativ behandelt werden, weil unbehandelte chronische Fisteln meist über mehrere Jahre langsam vor sich hinwachsen und sich im Laufe der Zeit immer mehr Pits (Fisteleingänge) bilden können. 

 

Meist befinden sich in den Hohlräumen der Fistelgänge Menschenhaare, teils narbiges Bindegewebe und Zellabfälle (Granulationsgewebe und Zelldetritus). Wir haben aus den Hohlräumen aber auch schon Wellensittichfedern, Hunde- und Katzenhaare und bei einer Reiterin sogar schon dicke Pferdehaare entfernt.

 

Statistische Informationen

 

Das Krankheitsbild tritt meist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren auf und hierbei vorwiegend bei Männern unterhalb des 40. Lebensjahres. Männer sind etwa 2,2 mal häufiger betroffen, als Frauen. Etwa 50 von 100.000 Menschen sind betroffen, dies entspricht etwa 0,05% der Bevölkerung, wobei die Krankheit aus noch unbekannten Gründen in den letzten Jahren zunimmt.

 

Ursachen der Steißbeinfistel

 

Die genauen Ursachen der Steißbeinfistel sind noch nicht erforscht, in Fachkreisen wird immer noch diskutiert, ob es sich um eine genetische oder durch äußere Faktoren erworbene Erkrankung handelt. Man geht aber davon aus, dass bei den meisten Patienten zumindest eine genetische Veranlagung besteht. Hinzu kommen dann weitere äußere Umstände (am wichtigsten ist hierbei der Prozess der einwandernden Haare) welche dann die eigentliche Erkrankung auslösen. Wissenschaftler und Ärzte haben schon bei Untersuchungen am ungeborenen Kind die Erkrankung feststellen können, darüber hinaus kommt es oft zu einer familiären Häufung. Auch haben wir hier in der Praxis vor Jahren ein eineiiges Zwillingspaar behandelt. Beide Mädchen hatten die gleiche Fistel an der gleichen Stelle. Dies alles untermauert die Therorie einer ursprünglich genetischen Veranlagung. Eine sehr wichtige Rolle für das Entstehen der Erkrankung spielen ergänzend auch die sogenannten Triggerfaktoren (= Verstärker), auf welche wir unten näher eingehen. In seltenen Fällen kann eine Steißbeinfistel auch durch ein sogenanntes Trauma entstehen, z. B. durch einen Sturz auf das Gesäß.

 

Entstehung der Steißbeinfistel

 

Es wird also vermutet, dass in den meisten Fällen eingewanderte Haare die Probleme verursachen. Durch die Bewegungen des Gesäßes und die natürlichen Reibebewegungen der Pofalte im Alltag drehen sich meist abgebrochene Haare mit ihren wurzelnahen Enden in die Haut hinein. Hierdurch entstehen sogenannte Pori oder Pits (= Fisteleingänge), das heißt Vertiefungen, welche Haare enthalten können. Da die Hornschuppen der Haare als Widerhaken fungieren, dringt das Haar immer weiter bis in das tiefe Fettgewebe ein. Dort entwickeln sich Fistelgänge, die nicht spontan abheilen, sich aber infizieren können. Diese Pits sind in den ersten Millimetern mit einer derben Haut (Epithel) ausgekleidet. 

 

Triggerfaktoren (Verstärker)

 

Rauchen, starke Behaarung, Übergewicht (dickeres Fettgewebe), ein von Natur aus ausgeprägt rundes Gesäß, sitzende Tätigkeit und vermehrtes Schwitzen scheinen die Entstehung des Pilonidalsinus zu begünstigen. Mangelnde Körperhygiene dagegen soll keine Ursache sein, auch wenn man dies zum Leidwesen der Betroffenen immer noch in Artikeln (z. B. Apothekenblättchen) lesen kann. 

 

Übrigens: die Erkrankung Pilonidalsinus gibt es nicht nur in der Gesäßfalte, sondern zum Beispiel in sehr seltenen Fällen auch an der Brust, hinter den Ohren oder bei Friseuren zwischen den Fingern.

 

Manchmal wird die Steißbeinfistel auch verwechselt z. B. mit Anal- und Crohn-Fisteln der Erkrankung Acne inversa (hier finden sich teils sogar feingewebliche, histologische Parallelen), Dermatosen, einer Steißbeinverlagerung durch einen Sturz (Luxation), feinen schmerzhaften Rissen in der Gesäßfalte (Rhagaden) oder auch mit der Schuppenflechte (Psoriasis). Eine genaue und sichere Diagnose der Erkrankung ist also stets notwendig. In den allermeisten Fällen kann die Erkrankung durch einen gut geschulten Facharzt mit dem bloßen Auge sofort von den anderen Erkrankungen abgegrenzt werden. Eine Ultraschalluntersuchung oder gar weiterreichende Untersuchungen wie ein kostspieliges MRT sind für die Diagnose normalerweise nicht notwendig.

 

Welche Beschwerden verursacht die Steißbeinfistel?

 

In der Regel verspüren die Betroffenen ein zunehmendes Druckgefühl in der Steißregion, häufig verbunden mit Schmerzen, Zwicken und Juckreiz. Wenn sich der Abszess entleert, findet der Betroffene beim Stuhlgang auf dem Toilettenpapier oder in der Unterwäsche teils eitriges Sekret und/oder Blut, welches sehr häufig auch aus einer Stelle seitlich neben der Gesäßfalte austritt (=FistelAUSgang). Viele Patienten berichten auch über eine Art Knubbel oder erbsenartige, tastbare Veränderung, aus der oft ein helles, eitriges oder blutiges Sekret abgesondert wird. In sehr akuten Fällen kommt ein starkes Unwohlsein, grippeähnliche Symptome, Kaltschweißigkeit, Fieber und Schüttelfrost hinzu. In diesen Fällen sollte baldmöglichst ein auf Steißbeinfisteln spezialisierter Facharzt aufgesucht werden. Akutpatienten raten wir von Herzen, sich sofort an einen Spezialisten für Steißbeinfisteln zu wenden, denn leider enden immer noch ein Großteil der Akutpatienten (über den Weg Hausarzt —> nächstgelegenes Kreiskrankenhaus) bei der klassischen, brachialen Operationsmethode. 

 

Kann die Erkrankung von alleine wieder verschwinden?

 

Es gibt bei dieser Erkrankung leider keine Spontanheilung. Gut gemeinte Hausmittelchen (Patienten berichten von Blutegeln, Sauerkraut, Zinkbehandlung, Homöopathie, Hafergrützebrei, Propolis, Rosinensäckchen, speziellen Diäten, Massagen, Tinkturen, Besprechen der Fistel und vielem vielem mehr) können die Steißbeinfistel leider nicht dauerhaft heilen. Auch eine Antibiotikatherapie oder Zugsalbe hilft in der Regel nur kurzfristig und nach wenigen Wochen oder Monaten treten erneut Beschwerden auf. Anderseits ist eine längere Zeitspanne zwischen den ersten Beschwerden und einem Behandlungsbeginn nicht ungewöhnlich. In manchen Fällen ruht eine vormals entzündete Steißbeinfistel auch ohne Operation über Jahrzehnte (z.B. selten bei in der Schwangerschaft aufgetretenen Steißbeinfisteln). Der Patient verspürt dann nach einmaligen Problemen keinerlei Symptome, wie Juckreiz, Flüssigkeitsabsonderung, Schmerzen, Zwicken oder Druckgefühl. Die Steißbeinfistel ist dann zwar immer noch vorhanden, sie ruht jedoch. In diesem Fall ist keine Operation notwendig, die Erkrankung sollte aber dennoch regelmäßig kontrolliert werden.

 

Bei der akuten oder langsam fortschreitenden, chronischen Form dagegen ist eine operative Therapie unumgänglich. In den meisten Fällen ist eine minimalinvasive und schmerzarme Pit Picking Operation möglich und der Patient ist nach kurzer Zeit schmerzfrei und wieder einsatzfähig.

 

 

 

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 Dariusch Mortazawi

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